5. Wilhelm-Bitter-Forschungspreis 2025
Preisträgerinnen in der Kategorie Post-Doc
Dr. Melanie Kungl & Dr. Trinh Nguyen
Thema:
„Visualizing the Invisible Tie: Linking parent–child neural synchrony to parents’ and children’s attachment representations“
Als internalisierte Arbeitsmodelle früherer Fürsorgeerfahrungen prägen Bindungsrepräsentationen das Erleben und die Gestaltung naher Beziehungen. Dies gilt insbesondere für wechselseitige Abstimmungsprozesse, die den Aufbau von Vertrauen und relationaler Sicherheit ermöglichen können. Daran anknüpfend prüften wir an 140 Eltern-Kind-Dyaden, inwiefern Synchronie auf neuronaler und Verhaltensebene mit Bindungsrepräsentationen zusammenhängt, die über das Adult Attachment Interview bei Eltern und ein Geschichtenergänzungsverfahren bei ihren 5–6-jährigen Kindern erfasst wurden. Interpersonale neuronale Synchronie (INS) wurde während des kooperativen Lösens von Tangram-Puzzles mittels funktioneller Nahinfrarotspektroskopie – Hyperscanning – erfasst. Die Ergebnisse zeigen signifikant erhöhte INS in frontalen und temporalen Hirnregionen während Kooperation, d. h. die Gehirne von Elternteil und Kind waren im Gleichklang. Bemerkenswerterweise wiesen unsicher gebundene Mütter eine höhere INS mit ihren Kindern im präfrontalen Kortex auf, was auf verstärkte Regulationsbemühungen hindeuten könnte. Bei Vätern fehlten entsprechende Zusammenhänge und auch Verhaltenssynchronie war nicht mit Bindungsrepräsentationen assoziiert. Die Befunde unterstreichen so geschlechtsspezifische Unterschiede und legen nahe, dass erhöhte INS nicht per se positiv ist: Sie kann in bestimmten Entwicklungsphasen gelingende Abstimmung anzeigen, in anderen Kontexten jedoch kompensatorische Mechanismen bis zur „Übersteuerung“ als mögliches Korrelat der Mutter-Kind-Beziehungsqualität bei unsicheren mütterlichen Bindungsrepräsentationen widerspiegeln. INS erweist sich damit als vielversprechendes neurobiologisches Korrelat von Bindungsrepräsentationen, wobei die Kombination traditioneller psychologischer und neurowissenschaftlicher Maße die dyadische Bezogenheit messbar macht und implizite Ko-Regulationsprozesse identifiziert, die der reinen Beobachtung teils entgehen.
Preisträgerin in der Kategorie Doktorand:innen
Sophia Cholibois
Thema:
Indikationskriterien in psychoanalytisch begründeten Psychotherapien
Diese Studie untersucht, wie Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker die Entscheidung zwischen Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie (TP) und Analytischer Psychotherapie (AP) sowie deren konkrete Ausgestaltung (Frequenz, Dauer, Setting) treffen. Dafür wurden 14 erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten in qualitativen Interviews befragt. Die Analyse zeigt, dass die Indikationsstellung ein komplexer, mehrdimensionaler Prozess ist, der auf drei Schlüsselkategorien basiert: Erstens spielen Patientenmerkmale eine zentrale Rolle, insbesondere das Strukturniveau
(z.B. Affektregulation, Objektbeziehungsqualität), die Reflexionsfähigkeit, die Symptomatik und die Motivation. Zweitens sind Kontextfaktoren wie die Lebensumstände des Patienten (Beruf, Familie) und die Kapazitäten sowie Präferenzen der Therapeutinnen und Therapeuten entscheidend. Drittens wird die Entscheidung maßgeblich von der therapeutischen Beziehungsdynamik beeinflusst, also der Passung, Übertragung und der entstehenden Allianz. Im Ergebnis wird ein Prozessmodell vorgestellt, das die Indikation nicht als starre Anfangsentscheidung, sondern als dynamischen Aushandlungsprozess beschreibt. Die anfängliche, theoretisch begründete Indikation wird kontinuierlich mit der praktischen Machbarkeit und der interpersonellen Dynamik abgeglichen
und im Therapieverlauf angepasst. Die Studie unterstreicht damit die Subjektivität und Komplexität klinischer Entscheidungen in der psychoanalytischen Praxis.
Die Forschungspreise werden von der Wilhelm-Bitter-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Verein zur Förderung der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie in Deutschland (VFPT)
vergeben.
Originalpublikation:
Nguyen, T., Kungl, M. T. et al. (2024): Visualizing the invisible tie: Linking parent–child neural synchrony to parents’ and children’s attachment representations. Developmental Science, 27, e13504
Cholibois, S., Benecke, C., Henkel, M. (in press). Indikationskriterien in psychoanalytisch begründeten Psychotherapien Teil 1: Eine qualitative Analyse. Z Psychosom Med Psychother.
Cholibois, S., Benecke, C., Henkel, M. (in press). Indikationskriterien in psychoanalytisch begründeten Psychotherapien Teil 2: Grounded-Theory-Modell und klinische Anwendung von Indikationskriterien. Z Psychosom Med Psychother.